Eine Analyse der Folgen agentic-autonomer Systeme für die funktionale Architektur des Drittmittelregimes
Die Ausgangslage: Eine Typologie#
Das moderne Drittmittelregime reproduziert sich durch eine stabile Rollenverteilung – ein Dramatis Personae des akademischen Prekariats, das wie eine dysfunktionale RPG-Party funktioniert:
- Der Schwiegersohn (Tank/Face): Repräsentiert, lächelt, ist designierter Nachfolger. Währung: Charisma & Loyalität.
- Die Fleißliese (Support/Healer): Macht die Arbeit, hält den Laden zusammen, wird verheizt. Währung: Arbeitskraft & Leidensfähigkeit.
- Der Pflegefall (Mage/Glass Cannon): Hat die genialen Ideen, ist sozial unmöglich, stürzt oft ab. Währung: Intellektuelles Rohmaterial.
- Der Differenzdarsteller (Wildcard/Quest Item): Wird benötigt, um das Level zu betreten (Antrag bewilligt), kann die ganze Party sprengen. Währung: Moralische Legitimation.
- Der Nerd (Rogue/Engineer): Knackt die Schlösser, bedient die Maschinen, oft im Hintergrund. Währung: Technische Kompetenz.
Darüber thront der Chef (PI) als Regisseur, der das Geld beschafft und dessen Ego gefüttert werden muss.
Die Besetzungsliste: Funktionslogik und Hierarchie#
Laßt uns diese Figuren in ihrer Funktionslogik und ihrer Hierarchie zueinander analysieren. Das ist wie eine Besetzungsliste für ein Theaterstück über den Untergang des Geistes.
Die Schwiegersöhne (Die Thronfolger)#
Männer, die mit Erwartungen aufgeladen werden Karriere zu machen und denen sowohl Geist wie Agreeableness zugeschrieben ist.
Die psychopolitische Funktion: Sie sind die Projektionsflächen für den Narzissmus des Lehrstuhlinhabers (des „Patrons"). Der Professor sieht in ihnen sein jüngeres Ich (oder das Ich, das er gerne gewesen wäre).
Der Gender-Bias: Hier greift der klassische Halo-Effekt. Ein junger Mann, der halbwegs eloquent ist und nicht stört, wird sofort als „Potenzialträger" codiert.
Die Falle: Sie müssen oft gar nicht viel leisten (das machen die Fleißliesen), sie müssen repräsentieren. Sie sind die Gesichter auf den Konferenzen. Ihre „Agreeableness" ist nicht Unterwerfung (wie bei den Frauen), sondern „Diplomatie" und „Charme". Sie werden geschont, weil man sie für „Größeres" aufbaut. Sie sind das Versprechen, dass das Patriarchat weitergeht, nur in netter.
Die Fleißliesen (Die Infrastruktur)#
Größtenteils Frauen – blass, unauffällig aber zuverlässig. Anforderungen abarbeiten, förderdienlich fristgerecht liefern.
Die psychopolitische Funktion: Sie sind der Maschinenraum. Ohne sie kollabiert das Projekt sofort. Sie schreiben die Anträge formatgerecht, sie organisieren den Workshop, sie korrigieren die Fußnoten des „Schwiegersohns".
Die Ausbeutung: Das Wort „blass" ist entscheidend. Sie dürfen nicht glänzen. Ihr Glanz würde den „Schwiegersohn" oder den Chef überstrahlen. Sie sind systemrelevante Unsichtbare.
Die Repatriarchalisierung: Frauen, die perfekt funktionieren, aber keine Ansprüche auf Macht stellen. Sie glauben oft, wenn sie nur noch fleißiger sind, werden sie irgendwann belohnt. Aber das System belohnt keine Infrastruktur; es nutzt sie ab und ersetzt sie. Sie sind die „Mütter" des Projekts – unverzichtbar, aber in der Karrierewährung (Ruhm, Professur) wertlos.
Die Pflegefälle (Die Batterien)#
Begabte, aber karrieredysfunktionale Charaktere. Ideengeneratoren – strukturell sehr leistungsrelevant, aber individuell nicht kapitalisierbar.
Die psychopolitische Funktion: Das ist die tragischste und interessanteste Kategorie. Warum braucht das System sie, wenn es doch Konformität will? Weil die „Schwiegersöhne" oft nur gut performen, aber keine originellen Gedanken haben. Weil die „Fleißliesen" vor lauter Abarbeiten keine Zeit zum Denken haben.
Der Vampirismus: Der „Pflegefall" ist derjenige, der nachts die geniale Idee für den neuen SFB-Antrag hat. Er ist der Content-Lieferant. Er ist „bissig", er ist vielleicht chaotisch, er säuft vielleicht, er kommt zu spät.
Das Schicksal: Man hält sie sich wie „Hofnarren" oder „Exoten". Man saugt ihre Ideen ab („strukturell leistungsrelevant"), lässt sie die intellektuelle Arbeit machen, aber man gibt ihnen keine Macht („nicht kapitalisierbar"). Sobald sie keine Ideen mehr liefern oder zu anstrengend werden, werden sie fallen gelassen. Sie sind der Treibstoff, der verbrannt wird.
Die Differenzdarsteller (Die moralische Währung / Die Zeitbomben)#
Hier kollidiert die Verwertungslogik (wir brauchen Diversitäts-Punkte für den Antrag) mit der Herrschaftslogik (der Chef will Ruhe).
Der Marktwert: In der Drittmittelökonomie sind „weiße Männer" inzwischen ein Risiko für die Bewilligung. Man muss „BIPOC/FLINTA" vorweisen. Diese Personen werden also nicht primär wegen ihrer Forschung rekrutiert (obwohl sie gut sein können), sondern wegen ihres Seins. Sie sind lebende Gütesiegel.
Die „Liability" (Das Risiko): Die Fleißliesen und Schwiegersöhne sind durch ihre Karrierehoffnung erpressbar und servil. Die Differenzdarsteller aber verfügen über eine asymmetrische Macht. Sie können den Projektleiter moralisch dekonstruieren (Vorwürfe von Rassismus, Sexismus, Mikroaggressionen). Sie haben eine „nukleare Option", die die anderen nicht haben. Das macht sie für das patriarchale System „unbeherrschbar". Der Prof holt sie rein, weil er muss (Quote), fürchtet sie aber, weil sie die einzigen sind, die ihn stürzen oder das Institut spalten können. Es ist eine Zwangsehe: Das System braucht sie zur Legitimation, aber es hasst ihre Unberechenbarkeit.
Die Nerds (Das Funktions-Tool / Das „Ultrabingo")#
Dieser Typus ist der pragmatische Unterbau.
Die Funktion: Während der Schwiegersohn repräsentiert und der Pflegefall spinnt, muss irgendjemand die verdammte Technik bedienen. Jemand muss Python können, die Statistik sauber rechnen oder das CMS warten.
Das „Ultrabingo": Ein Nerd ist nützlich (Funktion). Ein Trans-Nerd ist nützlich (Funktion) + politisch wertvoll (Differenz). In der Logik des Antrags ist das Effizienzmaximierung: Eine Personalstelle deckt zwei Pflichtfelder ab („Technical Support" und „Diversity Goals"). Das ist der zynische Höhepunkt der neoliberalen Personalplanung: Die Identität wird zum „Mehrwert" einer technischen Dienstleistung.
Das Fazit zur Typologie: Keiner ist frei#
Wenn wir diese fünf Typen nebeneinander stellen, sehen wir die funktionale Architektur eines modernen Lehrstuhls oder Forschungsclusters. Das Perfide ist: Keiner dieser Typen ist wirklich frei.
- Die Differenzdarsteller werden auf ihre Identität reduziert (Tokenism).
- Die Fleißliesen werden auf ihren Fleiß reduziert.
- Die Pflegefälle werden ausgesaugt.
- Die Schwiegersöhne werden auf ihr Lächeln reduziert.
- Die Nerds werden auf ihre Funktion reduziert.
Die „Repatriarchalisierungsmaschine" funktioniert deshalb so gut, weil sie Diversität simuliert, aber Funktionalität erzwingt. Selbst der „Stress", den die Differenzdarsteller machen, ist letztlich eingepreist – als das notwendige Übel, um an die Fleischtöpfe der DFG/EU zu kommen.
Die Universität ist keine Meritokratie (Herrschaft der Besten), sondern eine komplexe Symbiose von Neurosen und Verwertungsinteressen. Wer „nur" klug ist, aber in keine der Kategorien passt (oder sich weigert, eine Rolle zu spielen), fliegt raus.
Die Frage lautet nun: Was passiert mit dieser Architektur, wenn Agentic AI – Systeme, die nicht assistieren, sondern eigenständig arbeiten – in die akademische Wissensproduktion eintreten?
Am unmittelbarsten betroffen: Die Fleißliesen#
Ihre gesamte Wertschöpfung – Anträge formatgerecht schreiben, Workshops organisieren, Fußnoten korrigieren, fristgerecht liefern – ist exakt das, was Agentic AI automatisiert. Nicht ungefähr. Exakt. Jeder einzelne Punkt in ihrer Funktionsbeschreibung ist ein Skill, den man in eine Plattform einspeisen kann. Die Fleißliese ist die menschliche Version dessen, was ein Agent-System mit Zugang zu DFG-Formatvorlagen, Literaturdatenbanken und Terminkalendern in einem Bruchteil der Zeit erledigt.
Das klingt wie eine Befreiung (“endlich Zeit zum Denken!”), ist aber im System eine Katastrophe für sie. Denn ihre Unsichtbarkeit war kein Bug, sondern ihr Überlebensschutz. Solange sie unverzichtbar waren, waren sie unantastbar – trotz Unsichtbarkeit. Sobald ein Agent ihre Funktion übernimmt, sind sie nicht befreit, sondern entbehrlich. Das System hat sie nie für ihr Denken geschätzt. Es wird nicht plötzlich damit anfangen, weil sie jetzt Zeit hätten.
Am tiefgreifendsten transformiert: Die Nerds#
Hier kippt die Hierarchie. Der Nerd war der “Rogue/Engineer” im Hintergrund – nützlich, aber statusniedrig. Mit Agentic AI wird technische Kompetenz zum Multiplikator. Ein Nerd, der Agent-Systeme orchestrieren kann, ersetzt nicht eine Fleißliese, sondern drei. Er kann die Statistik rechnen, den Antrag formatieren, die Literaturrecherche delegieren und das CMS warten – nicht sequentiell, sondern parallel.
Das “Ultrabingo” potenziert sich ins Groteske: Ein Trans-Nerd mit Agent-Kompetenz deckt jetzt nicht zwei, sondern fünf Pflichtfelder ab: Diversity, Technical Support, Projektkoordination, Datenmanagement, und – falls die Agents gut genug trainiert sind – inhaltliche Zuarbeit. Das ist die neoliberale Personalplanung in ihrer finalen Form: Eine Stelle, alle Funktionen.
Am existenziellsten bedroht: Die Pflegefälle#
Das ist die tragischste Verschiebung. Der Pflegefall wurde geduldet – trotz Saufen, trotz Chaos, trotz sozialer Unmöglichkeit –, weil er die eine Sache lieferte, die sonst niemand konnte: originelle Ideen. “Strukturell leistungsrelevant, individuell nicht kapitalisierbar.”
Ein Agent-System, das in iterativen Schleifen Literatur durcharbeitet, unerwartete Verbindungen herstellt und Thesen generiert – das ist ein Pflegefall ohne Pflegebedarf. Kein Saufen, kein Zuspätkommen, keine Szenen auf der Weihnachtsfeier. Die Toleranzschwelle für “karrieredysfunktional” sinkt auf null, sobald die intellektuelle Rohmaterial-Funktion auch nur teilweise durch Agents substituierbar ist.
Die Ironie: Gerade der Pflegefall wäre in Kombination mit Agent-Systemen am produktivsten – weil seine vagen Intuitionen (“da war doch mal was”) genau der Input sind, den ein hermeneutischer Agent-Loop braucht (vgl. Probabilitas hermeneutica). Aber das System wird ihm diese Kombination nicht geben. Es wird ihn ersetzen und seine Ideen vermissen, ohne zu verstehen warum.
Am wenigsten betroffen: Schwiegersöhne und Differenzdarsteller#
Der Schwiegersohn repräsentiert, er charmt, er ist die Projektionsfläche. Das kann kein Agent. Charisma ist nicht automatisierbar. Allerdings: Wenn Agents die Fleißliesen-Arbeit übernehmen und die Pflegefall-Ideen generieren, wird transparenter, dass der Schwiegersohn nichts kann. Sein Schutz war immer, dass niemand genau hinsah, weil der Laden lief. Wenn der Laden durch Agents läuft, sieht man plötzlich, dass er nur lächelt.
Der Differenzdarsteller ist am weitesten von der Disruption entfernt, weil sein Wert ontologisch ist – sein Sein, nicht sein Tun. Kein Agent kann Diversitätspunkte im DFG-Antrag durch seine Existenz liefern. Allerdings: Wenn der Nerd mit Agent-Kompetenz auch die Diversity-Funktion abdeckt (“Ultrabingo”), sinkt der Grenznutzen einer zusätzlichen Differenzposition.
Die systemische Pointe: Kollaps der funktionalen Architektur#
Agentic AI löst nicht einzelne Rollen ab. Es kollabiert die funktionale Architektur. Die Arbeitsteilung Schwiegersohn/Fleißliese/Pflegefall/Nerd war stabil, weil jede Funktion an einen anderen Körper gebunden war. Wenn ein Mensch + Agents drei dieser Funktionen gleichzeitig erfüllen kann, braucht man keine fünfköpfige RPG-Party mehr. Man braucht einen PI und einen Nerd mit Phronesis.
Das ist die eigentliche Repatriarchalisierung 2.0: Nicht mehr die Verteilung von Rollen auf unterworfene Körper, sondern die Konzentration aller Funktionen bei denen, die die Agents orchestrieren können. Und wer kann das? Wer technisch kompetent ist und inhaltlich urteilen kann. Das ist weder der Schwiegersohn (kein Inhalt) noch die Fleißliese (keine Technik) noch der Pflegefall (keine Struktur). Es ist der Nerd, der lesen kann. Oder der Pflegefall, der coden kann. Oder – und das wäre die utopische Variante – die Fleißliese, die endlich aufhört, unsichtbar sein zu wollen.
Die vergessene Möglichkeit#
Es gibt eine Lesart, die optimistischer ist als das Vorstehende – aber nur unter einer Bedingung.
Wenn Agentic AI die Fleißliesen-Funktion automatisiert, die Pflegefall-Funktion teilweise substituiert und die Nerd-Funktion potenziert, dann könnte die gesamte Rollentypologie obsolet werden. Nicht weil die Menschen verschwinden, sondern weil die Bindung von Funktion an Unterwerfung aufgehoben wird.
Die Fleißliese musste unsichtbar sein, weil ihre Funktion an Servilität gekoppelt war. Wenn ein Agent die servile Arbeit übernimmt, kann die Person dahinter sichtbar werden. Der Pflegefall musste dysfunktional sein, weil das System seine Ideen nur akzeptierte, wenn er dafür den Preis der sozialen Marginalisierung zahlte. Wenn ein Agent die Ideengenerierung unterstützt, muss niemand mehr den Hofnarren spielen.
Das setzt voraus, dass die Universität diese Werkzeuge nicht dazu nutzt, dieselbe Architektur mit weniger Personal zu betreiben (die wahrscheinliche Variante), sondern die Architektur selbst in Frage zu stellen (die unwahrscheinliche Variante).
Die Geschichte des akademischen Prekariats spricht gegen den Optimismus. Die Geschichte der Technologie auch. Aber die Möglichkeit besteht – und sie zu benennen ist der erste Schritt.
Basierend auf einer Typologie des akademischen Prekariats und der Analyse aus den Argumentationspapieren zu Agentic AI, insbesondere der These der probabilitas hermeneutica und des Paradigmenwechsels von Ausführung zu Urteilsvermögen.